Erleichterung durch Radnaben-Antriebe

Rollstuhl mit Twion-Zusatzantrieben – Bild Nr. 201812221653

Wer einen Aktivrollstuhl fährt kennt das: Ist der Untergrund eben, ist alles kein Problem. Da lässt sich prima mit dem Stuhl fahren. Aber wenn man über die Bürgersteige in der Stadt, oder noch schlimmer auf dem Land, fahren muss, hört der Spaß schnell auf. Alle Bürgersteige sind zur Straße hin geneigt, damit Regenwasser abfließen kann, dann sind sie oft noch uneben oder gleichzeitig schräg und mit einer nicht unerheblichen Steigung versehen. Um dann mit einer Hand antreibend und mit der anderen bremsend eine Steigung zu bewältigen sind fast übermenschliche Kräfte gefragt. Selbst wenn man nicht gerade der Schwächste ist, tut es den Handgelenken überhaupt nicht gut. Das habe ich in den letzten eineinhalb Jahren, seit ich im Rollstuhl unterwegs bin oft genug schmerzlich erfahren und habe nach Lösungen gesucht, wie ich dieser täglichen Herausforderung am besten begegnen kann.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Es gibt verschiede Wege dieser Problematik zu begegnen, und ich möchte auch meine Lösung nicht als allgemein gültig hinstellen, aber ich berichte hier von meinen Erfahrungen und Überlegungen, und kann damit vielleicht dem einen oder anderen Leser helfen, zu einer eigenen Lösung zu kommen.

  1. Elektrisches Zuggerät: Damit fährt es sich auf jeden Fall am komfortabelsten, auch bei komplexeren Behinderungen, denn diese Art Antrieb garantiert einen stabilen Geradeauslauf und die Handhabung erfordert weder Kraft noch besonders viel Geschicklichkeit.
  2. Handbike: Wer aktiv unterwegs sein kann und möchte, für den bietet sich ein Hybrid-Handbike, also ein E-Bike für den Rollstuhl, an. Auch damit ist ein stabiler Geradeauslauf gewährleistet und eine Geschwindigkeit von 25 km/h und mehr ermöglicht ein schnelles Vorankommen wie bei einem Fahrrad.
  3. Freewheel: Ein am Fußbrett oder am Vorderrahmen des Rollstuhls befestigtes Zusatzrad erleichtert das geradeaus Fahren und das Überwinden von Bordsteinkannten. Hier gibt es zwar keine Kraftunterstützung aber dadurch, dass das mühsame Richtung halten abgemildert wird, ergibt sich immerhin eine Kraftersparnis, und dass Befahren von Unebenheiten stellt auch kein Problem mehr dar.
  4. Kraftverstärkende Antriebe: Hier gibt es zwei unterschiedliche Ansätze. Zum einen gibt es Antriebe mit einem zusätzlichen Rad hinten am Rollstuhl, wie z.B. „Smartdrive„, welches einfach nur von hinten schiebt und dem Fahrer damit Kräfte spart. Der andere Ansatz sind Radnaben-Antriebe, wie z.B. „E-motion“ oder „Twion“ von Firma Alber oder „Wheeldrive“ von Sunrisemedical. Hier besteht der Vorteil, dass man nichts vorspannen muss. Da der Rollstuhl damit in jeder Situation seine volle Wendigkeit erhält, kann man damit drinnen und draußen unterwegs sein, kann selbst Türen öffnen, was mit Vorspann sehr oft nicht möglich ist, und kann damit z.B. auch im Restaurant direkt bis an den Tisch fahren, ohne ein Zuggerät  abzuspannen und irgendwo unterbringen zu müssen. Diese Antriebe sind zwar nicht dazu gedacht große Entfernungen schnell zurück zu legen, aber sie sind absolut praktische Helfer im Alltag eines aktiven Rollstuhlfahrers, dessen Handfunktionen ohne größere Beeinträchtigungen sind.

All diese Überlegungen haben mich zu zwei der genannten Lösungen gebracht: Zum einen nutze ich ein Hybrid-Handbike anstelle eines Fahrrades um längere Strecken zu fahren. Innerhalb des Ortes oder Stadtteils erscheint mir der Einsatz allerdings oftmals überdimensioniert, aber dafür habe ich ja jetzt eine andere Lösung.

Noch pünktlich vor Weihnachten wurden meine Zusatzantriebe „Twion“ genehmigt und so wurden sie gestern noch an meinem „Argon2 Starrrahmen-Rollstuhl montiert. Im Rahmen einer Veranstaltung konnte ich diese Antrieb bereits im vergangenen Sommer in der Altstadt von Heidelberg ausprobieren und war danach überzeugt, darin für mich eine praktikable Lösung für den Rollstuhl-Alltag gefunden zu haben. Nun bin ich glücklich eben diese Antriebe an meinem Rollstuhl zu haben. Eine erste Fahrt bei uns im Dorf hat mir gezeigt, dass es jetzt nicht mehr auf Kraft, sondern nur noch auf Geschicklichkeit ankommt, denn es ist schon etwas anspruchsvoll, diese Antriebe auf buckeligem Untergrund so gefühlvoll einzusetzen, dass man damit genauso sicher geradeaus fährt, wie rein manuell, nur eben ohne erhöhten Kraftaufwand. Aber immerhin ist es mir, ohne dass ich schon genug Übung habe, gelungen einige der maroden Bürgersteige in unserer Gemeinde sicher zu befahren. Die bisherigen Herausforderungen, Steigungen und Schrägen, haben ihre Schrecken verloren. Und mit etwas mehr Übung ist auch meine Geschicklichkeit beim Fahren durchaus noch steigerungsfähig.

Mein persönliches Fazit: Zusatzantriebe wie Twion, E-Motion oder Wheeldrive benötigen zwar einiges an Geschicklichkeit und Erfahrung im Umgang mit einem Aktivrollstuhl, aber sie sind absolut praktisch im Alltag und ersparen einem größere Kraftanstrengungen, was wiederum den Handgelenken zugute kommt.

Twion Zusatzantrieb von Alber – Bild Nr. 201812221652

Empfohlene Links:
Firma Alber GmbH: Aktivantriebe
Firma SunriseMedical: Wheeldrive

5 Kommentare

    1. Hallo Frank, vielen Dank. Ich wünsche Dir ebenfalls ein entspanntes Weihnachtsfest. LG sozusagen aus der „Nachbarschaft“, Georg

    1. Zuggeräte haben natürlich auch ihre klaren Vorteile. Es kommt einerseits auf die Art der Behinderung andererseits auf die persönlichen Vorlieben an. Ich habe mich für die Twion-Antriebe entschieden, um einerseits weiterhin aktiv unterwegs zu sein, und um andererseits ohne An- und Abspannen überall reinfahren fahren kann und ein kompaktes und wendiges Gefährt zu haben.

      In meinem neuen Blog „Aktiv leben mit HSP“ habe ich heute einen Artikel über meinen „Ausflug“ in die Stadtmitte von Mainz (Ich leben auf dem Land) geschrieben. Da geht es u.a. auch um den Einsatz der Antriebe:
      http://hsp.georg-dahlhoff.eu/?p=23769

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